„Die meisten Spiele wurden nicht für Kinder entwickelt“: Elternvortrag informierte zu Online-Spielen für Kinder und Jugendliche

Felix Rudolph-von Niebelschütz von Menschen und Medien e.V. begann seinen Vortrag am 13. Mai im Smart City Forum mit Statistiken: „37,5 Millionen Deutsche spielen Online-Spiele – das ist fast jeder zweite. Jede zweite Person ist weiblich, das Durchschnittsalter liegt bei 39,5 Jahren. 20 Prozent der Gamer sind über 60 Jahre alt, 79 Prozent mindestens 18 Jahre alt. Was folgt daraus? Die meisten Spiele wurden für Erwachsene entwickelt, nicht für Kinder. Das sollten Sie als Eltern bedenken.“ Der Vortrag des Medienpädagogen aus der Reihe „Kinder in digitalen Welten begleiten“, die in Zusammenarbeit mit Smart City Eichenzell angeboten wird, trug den Titel „Digitale Spiele: Faszination, Risiken und pädagogische Begleitung“.

Gaming: anfangs belächelt, nun Massenphänomen

„Computerspiele in Deutschland fanden lange Zeit in einer unbemerkten Parallelwelt statt“, so Rudolph-von Niebelschütz. „Gaming und Gaming-Kultur waren nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft von Bedeutung und wurden vom Rest eher belächelt oder nicht beachtet.“ Das habe sich mittlerweile geändert. Anfang der 2000er habe der bis heute anhaltende Trend „Let’s Play“ begonnen, bei dem Menschen am Bildschirm anderen dabei zusehen, wie sie Computer- und Video-Spiele spielen und kommentieren. Was sich zunächst banal anhöre, sei mittlerweile ein Massenphänomen: So habe etwa der unter dem Spitznamen „Gronkh“ bekannte deutsche Videospieler Erik Range mehrere Millionen Follower auf YouTube.

„Ein ernstzunehmendes Hobby“: Medienpädagoge Felix Rudolph-von Niebelschütz erläuterte das Phänomen „Let’s play“.

Die 2011 entstandene Plattform „Twitch“ – 2014 von Amazon gekauft – , habe sich zu einer der führenden Plattformen für Livestreaming entwickelt und gebe Spielern die Möglichkeit, bei Liveübertragungen in Echtzeit mit ihren Fangemeinden zu interagieren. „Wer live dem Spielgeschehen folgen und mit den Spielern chatten kann, fühlt sich als Teil einer Community“, erläuterte Rudolph-von Niebelschütz die Faszination, die „Let’s-Play“ für Kinder, aber auch Erwachsene ausmache.

„Ob Sie es glauben oder nicht: Videospiele werden heutzutage auch in Sportwettkämpfen mit millionenschweren Preisgeldern gespielt. Professionelle E-Sport-Turniere füllen in manchen Ländern riesige Stadien.“ Daneben könne sich die Gaming-Begeisterung auch im sogenannten „Cosplay“ ausdrücken, bei dem Fans sich möglichst detailgetreu als Figuren aus ihren Lieblingsspielen, -serien, oder -mangas verkleideten, wobei die Kostüme meist selbst hergestellt würden. „Das mag etwas spleenig klingen“, räumte der Medienpädagoge ein. „All diese Gaming-Ausprägungen bitte ich Sie jedoch als ernstzunehmende Hobbys zu verstehen. Sie erfordern zudem handwerkliches, kreatives oder spielerisches Geschick und schulen soziale Interaktion, Problemlösefähigkeiten und emotionale Regulierung.“

Geeignete Spiele sind nicht auf den ersten Blick erkennbar

Gaming könne seine positiven Effekte bei Kindern und Jugendlichen jedoch nur dann entfalten, wenn Eltern ihnen dabei hälfen, mögliche Risiken zu vermindern. „Es gibt unzählige Spiele und auch Spiele-Genres, etwa Aufbau-Strategiespiele, Jump and Run*-Spiele, Partyspiele, Beat ‘em up*, Sport- und Rollenspiele, Shooter*, Multiplayer-Spiele, Abenteuerspiele oder Point- und Click-Adventures*. Dabei gibt es jedoch große Unterschiede, die Sie sich unbedingt anschauen sollten, sobald Ihr Kind ein neues Spiel herunterladen oder online spielen möchte. So ist nicht jeder Shooter gleich ein stumpfes ‚Ballerspiel‘ und nicht jedes Spiel, das mit knallbunten Comicfiguren daherkommt, für Kinder unbedenklich.“ Die Basisfrage sollte immer sein: „Wie realistisch sind Spielszenarien angelegt?“

Anhand der Shooter-Spiele „Fortnite“, „Counterstrike“ und „Battlefield 6“ erläuterte der Medienpädagoge die unterschiedlichen Ansätze und worauf Eltern achten sollten: „Was gespielt werden darf, ist grundsätzlich Werteerziehung“.

Fortnite

Der Shooter „Fortnite“ wirkt auf den ersten Blick comichaft und kindlich, stattet die Spielfiguren jedoch mit realistisch anmutenden Waffen aus.

Counterstrike

Battlefield 6

Wann Spielen Stress bedeutet oder Risiken birgt

Worauf sollten Eltern noch ein Auge haben? „Spielen kann auch Stress für Ihr Kind bedeuten“, so Rudolph-von Niebelschütz. „Wenn Ihr Kind beim Verlieren sehr emotional wird, es überhaupt nicht mehr aufhören kann zu spielen oder kaum noch seine Freunde trifft, sollten Sie es in seinen Gefühlen gut begleiten, ihm Gesprächs- und alternative Spielangebote in der realen Welt machen oder Ihrem Kind ein Spiel oder ein Medium für eine Weile entziehen.“ Wichtig sei es dabei, Medienentzug nicht als erzieherische Maßnahme wegen eines Fehlverhaltens einzusetzen, sondern dem Kind erklären, dass man zu seinem Schutz agiere. In schwerwiegenden Fällen könnten auch Suchtberatungsstellen helfen.

Daneben sollten Eltern mit ihren Kindern klare Spielzeiten vereinbaren, auf ausreichend lange Pausen achten und sich über Spiele in jedem Fall gründlich informieren (siehe nützliche Links). So spielten beispielsweise viele Kinder unter 13 Jahren das kostenlose Spiel ‚Roblox‘, das auf den ersten Blick niedlich wirke und mit seiner pixeligen Grafik an Lego erinnere. Mit dem ‚Roblox Studio‘ können Spieler eigene virtuelle Welten erschaffen und Anderen zur Verfügung stellen. Genau dies könne zum Problem werden: „Da ständig von jedem neue Inhalte hochgeladen werden können, die sich nicht filtern lassen und kaum geprüft werden, erhält Ihr Kind freien Zugang zu Spielen mit gewalttätigen, rassistischen, antisemitischen und extremistischen Inhalten.“

Hinzu kämen die Risiken durch Chats mit anderen Spielern, hinter denen sich auch Erwachsene verbergen könnten. Daher empfahl der Medienpädagoge: „Ihr Kind sollte wissen, dass es Informationen wie seinen Wohnort und seine Handynummer oder Fotos im Kontakt mit Fremden niemals preisgeben sollte, und dass sie ihnen unangenehme Nutzer blockieren können.“ Eltern sollten ihren Kindern darüber hinaus erklären, was In-App-Käufe und Lootboxen* seien und erstere deaktivieren, damit keine ungewollten Käufe durch die Kinder getätigt werden könnten.

„Nehmen Sie die USK-Altersangaben ernst“, so der Referent weiter. Natürlich komme es auch auf die individuelle Reife des Kindes an, manchmal könnten auch jüngere Kinder durchaus schon ein Spiel für Ältere spielen. Aber: „Wenn Sie befürchten, dass ein Spiel Ihr Kind nachhaltig ängstigen könnte, lassen Sie sich nicht mit dem Argument überreden, dass alle seine Freunde es spielen, sondern vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl und halten Sie den Frust Ihres Kindes aus.“ Die USK-Vorgaben könnten dabei eine hilfreiche Rückenstärkung sein, auf die man sich seinem Kind gegenüber berufen könne.

Glossar

Jump and Run: ein Spiel-Genre, bei dem die Spielfiguren laufend und springend Hindernisse überwinden und Gegenstände sammeln müssen.

Beat ‘em up: ein Spiel-Genre, bei dem Spielfiguren unter Einsatz von körperlicher Gewalt mit verschiedenen Kampfstilen gegen einen oder mehrere Gegner antreten.

Shooter: ein Spiel-Genre, bei dem Spielfiguren auf Gegner und Objekte schießen. Ziel ist es, diese zu treffen oder zu eliminieren.

Point-and-Click-Adventures: ein Spiel-Genre, bei dem Spielfiguren innerhalb einer erzählten Geschichte Rätsel lösen und Dialoge führen. Dabei klickt der Spieler auf Objekte und Figuren und wählt deren Funktionen und Dialogtexte aus.

USK: Für die Prüfung der Alterseinstufung von digitalen Spielen in Deutschland ist die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle zuständig. Die USK ist eine freiwillige Einrichtung der Spielebranche.

Lootbox: virtuelle Beute-Boxen in Computerspielen. Sie können im Spiel gefunden, durch zusätzliche Missionen freigeschaltet oder käuflich erworben werden – entweder durch Spielewährung oder durch echtes Geld. Der Inhalt ist zufällig zusammengesetzt, besonders wertvolle Gegenstände sind selten. Lootboxen gelten teilweise als Glücksspielelemente und haben zum Ziel, Spieler möglichst lange auf Plattformen zu halten.

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