Wie können Eltern ihre Kinder dabei begleiten, selbstbestimmt und auf gesunde Weise mit Medien umzugehen? Das war die große Frage beim Medienvortrag „Selbstbestimmt statt gesteuert – wie Kinder digitale Balance entwickeln“ am 11. März im Smart City Forum Eichenzell. Der Schwerpunkt lag dabei auf Serien, Filmen und YouTube-Videos für Kinder. Anhand von Ausschnitten der Serien „Feuerwehr Sam“, „Cocomelon“ und „PAW Petrol“ erläuterte Referent Felix Rudolph-von Niebelschütz von „Menschen und Medien e.V.“ dem Publikum, wie unterschiedlich Kindersendungen auf Kinder wirken.

Zu viel Spannung setzt Kinder unter Dauerstrom
„Medien sind heute für viele Menschen ein selbstverständlicher Bestandteil des Familienalltags. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, denn Medien befriedigen die natürlichen Bedürfnisse von Kindern nach Entspannung und Unterhaltung sowie Information und Wissen“ stellte Rudolph-von Niebelschütz vorab klar. „Es gibt dabei jedoch auch Faktoren, die Kinder beeinträchtigen können.“ Daher sollten Eltern und andere Erziehende Medieninhalte und deren Aufmachung sorgfältig prüfen.
Unaufgelöste Spannungsbögen am Ende einer Sendung – die sogenannten „Cliffhanger“ – , grelle Farben und Stimmen, schnelle Szenenwechsel und überwältigende Soundeffekte, aber auch eine Bildführung mit hektischen Drehungen und dramatische Inhalte mit hoher Spannung und Konflikten überreizten die Sinne vor allem von jüngeren Kindern häufig. „Wir Erwachsenen haben gelernt damit umzugehen. Das ist bei Kindern anders, sie haben noch wenig Impulskontrolle“, so Rudolph-von Niebelschütz. „Sendungen mit pausenloser Spannung sorgen bei den Kindern auch für pausenlose Aufregung. So verlieren sie das Gespür dafür, wann sie Ruhe brauchen und es fällt ihnen noch schwerer, den Medienkonsum zu beenden.“
Einige Apps arbeiteten zudem mit Glücksspiel- und Belohnungselementen, um die Kinder so lange wie möglich auf ihren Plattformen zu halten. Als weitere Gründe für das Nicht-Aufhören-Können oder -Wollen von Kindern nannte er, dass diese häufig nicht wüssten, was sie im Anschluss tun sollten, oder dass ihnen nicht klar sei, wann sie die Medien das nächste Mal nutzen dürften. „Daraus folgt: Kinder brauchen die Unterstützung von uns Erwachsenen.“
Medienzeiten beschränken, Übergänge gestalten: So unterstützen Eltern ihre Kinder
Wie aber sieht diese Unterstützung aus? „Reagieren Sie nicht über, wenn Ihr Kind sich nicht vom Tablet trennen möchte“, empfahl Rudolph-von Niebelschütz. „Letztendlich ist die Situation kaum anders als wenn es nicht vom Spielplatz heim möchte oder beim Mensch-ärgere-dich-nicht fuchsteufelswild wird. Sehen Sie sie als Lernmöglichkeit für ihr Kind, sich selbst in seinen Gefühlen zu regulieren, und als Chance für Sie, Ihr Kind dabei wertschätzend zu begleiten.“
Das könne zum einen durch die Beschränkung der Mediennutzungszeiten geschehen. Diese könnten sich entweder auf den Inhalt beziehen („Eine Folge noch“) oder auf die Zeit („Noch zehn Minuten“). Auch auf die Auswahl sollten Eltern achten: Eine gute Serienfolge für Kitakinder dauere nicht länger als zehn Minuten und liefere eine zusammenhängende, in sich abgeschlossene Geschichte. Grundschulkinder kämen auch mit längeren Folgen und Cliffhangern zurecht. Die automatische Wiedergabe von Videoclips sollte man grundsätzlich ausschalten.

Nachvollziehbare Vereinbarungen zur Mediennutzung treffen
Wesentlich sei, dass alle Regelungen für die Kinder nachvollziehbar seien. „Halten Sie sich an die Vereinbarungen und setzen Sie Medienentzug nicht als Strafe für ein Fehlverhalten Ihres Kindes ein“, so der Medienpädagoge. „Kinder haben zudem noch wenig Zeitempfinden. Arbeiten Sie daher beispielsweise mit einer Sanduhr oder einem Wecker, einem Medienzeitkalender, Murmeln oder Spielchips, um den Kindern die Länge und die Verteilung der Medienzeiten begreiflicher zu machen.“
Zum anderen sollten Eltern Sendungen vorab testschauen oder gemeinsam mit dem Kind verfolgen und dabei sowohl den individuellen Entwicklungsstand als auch die Empfindsamkeit des Kindes berücksichtigen. „Alter ist nicht gleich Entwicklungsstand,“ so Rudolph-von Niebelschütz. „Eine schräge, surreale Serie wie ‚Spongebob‘, die Erwachsene manchmal anstrengend finden, kann für ihr Kind total witzig sein, ein Disneyfilm ohne Altersbeschränkung Ihren Achtjährigen überfordern.“
Wichtig sei es außerdem, die Kinder nach einer intensiven Medienerfahrung aufzufangen. „Gestalten Sie den Übergang, indem Sie Ihr Kind fragen, was es nach dem Tabletschauen tun möchte, oder bieten Sie ihm etwas an.“ Dies könne je nach Kind eine Aktivität mit Bewegung oder aber konzentriertes oder kreatives Arbeiten sein. Durch Anschlussgespräche erführen Eltern zudem, was Kinder aus einem Video, einem Spiel oder einem Film mitgenommen hätten und was sie noch beschäftige. „Geben Sie Ihrem Kind immer die Möglichkeit, ihren Eindrücken einen Ausdruck zu verleihen – egal ob über das Gespräch mit Ihnen, ein Nachspielen mit Kuscheltieren oder ein gemaltes Bild.“ Egal, wie Eltern bei der Medienerziehung vorgingen, empfehle er Testläufe von etwa zwei Wochen, da die Strategien nicht für jedes Kind passten und häufig nachjustiert werden müssten.
Digitaler Stress durch Fremdbestimmung
Und dann gebe es noch die „digitale Fremdbestimmung“, der Eltern etwas entgegensetzen sollten. Der Begriff beschreibe den Zustand, in dem das Verhalten, die Aufmerksamkeit und Entscheidungen von Mediennutzenden unbewusst von Algorithmen, Benachrichtigungen und Plattformlogiken gelenkt werden. „Anstatt selbstbestimmt zu handeln, reagieren wir automatisiert auf Reize, die digitale Systeme gezielt setzen – etwa durch Push-Nachrichten, Likes, emotionale und reißerische Inhalte, Endlos-Scrollen oder personalisierte Empfehlungen“, warnte Rudolph-von Niebelschütz. „Nugdes“ [von engl. „Stups“], also automatisch aufploppende Benachrichtigungen und Erinnerungen, Geräusche, auffällige Symbole, Buttons und Zahlen, signalisierten Dringlichkeit und lösten sozialen Druck aus, etwa wenn man sich verpflichtet fühle, auf Nachrichten schnell zu reagieren, um keine Erwartungen zu enttäuschen.
Beiträge, Kommentare sowie Bilder von Leid, Ungerechtigkeit oder Schönheitsidealen in den sozialen Medien seien bewusst so gestaltet, dass sie emotional berührten. „Der alltägliche Konsum dieser sogenannten Emotionskicks in den sozialen Medien wirkt sich physisch und psychisch auf uns aus, da ständig das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird“, erläuterte der Medienpädagoge. „Deswegen fühlen wir uns scheinbar immer gut, ganz egal, welchen digitalen Stoff wir konsumieren – selbst dann, wenn wir eigentlich unangenehme Gefühlszustände wie Enttäuschung, Überforderung, Ärger oder Angst empfinden.“ Menschen schalteten im Schnitt alle elf Minuten ihr Handy ein und unterbrächen so angefangenen Tätigkeiten. Wegen der ständigen Erreichbarkeit könne fokussiertes Arbeiten in digitalen Arbeitsumgebungen nahezu unmöglich werden. Dadurch entstehe oft das Gefühl, den Tag über nichts geleistet zu haben. Die Folge: Gereiztheit, das Gefühl von Kontrollverlust, Erschöpfung und damit weiterer Stress. Und: „Der Konsum digitaler Medieninhalte, zu dem wir aktiv verleitet werden, kann suchtähnliche Effekte produzieren.“

Selbstbestimmung durch Achtsamkeit
Achtsamkeit könne in solchen Situationen helfen, die Aufmerksamkeit bewusst auf den gegenwärtigen Moment zu lenken und sich nicht ablenken zu lassen. „Überlegen Sie sich gemeinsam mit Ihrem Kind: Was stresst besonders: Push-Nachrichten, Dauer-Chat, dauerhafte Erreichbarkeit? Was soll weniger werden? Was entspannt Ihr Kind?“ Anschließend könne man zusammen besprechen, welche Nugdes in welchen Medien abgestellt werden könnten. Funktionen wie Push-Nachrichten oder die Anzeige von neuen Nachrichten in sozialen Medien ließen sich ausschalten, ebenso könne man Gruppen-Chats auf stumm stellen oder während der Hausaufgabenzeit in den Flugmodus gehen.
„Daneben können Sie Ihrem Kind über die technischen Einstellungen zu einem gesünderen Medienkonsum verhelfen, etwa indem Sie ihm mehr Zeit für Musik und Hörspiele einrichten und weniger für soziale Medien. Auch Pausen, Familienausflüge ohne Handy, feste Online-Zeiten und Vereinbarungen wie ‚Über Nacht legst Du Dein Smartphone in die Küche‘ können dazu beitragen, Räume ohne ständige digitale Reize zu schaffen und die digitale Achtsamkeit zu trainieren. Dabei seien Eltern auch in ihrer Vorbildfunktion gefordert: „Wer von den Kindern fordert, beim Essen nicht am Smartphone zu hängen, ständig aber selbst darauf schaut, wirkt nicht glaubwürdig. Sprechen Sie mit Ihren Kindern über die Verhaltensmanipulationen von Medienplattformen und geben Sie ehrlich zu, wenn Sie selbst einmal bei Instagram ‚versacken‘. So lernen die Kinder, dass Sie alle im selben Boot sitzen und offen mit Ihnen über ihre Erfahrungen mit Medien reden können.“
Der nächste Vortrag findet am 13.05.2026 von 18:00-20:00 Uhr im Smart City Forum statt. Das Thema: „Digitale Spiele: Faszination, Risiken und pädagogische Begleitung“.