„Ich kenne mich mit sozialen Medien selbst nicht aus und fühle mich ohnmächtig, wenn ich sehe, wie viel mein Kind sie nutzt“, sagte eine Mutter am 15. April im Smart City Forum und sprach den meisten Anwesenden damit aus der Seele. Referent Felix Rudolph-von Niebelschütz von Menschen und Medien e.V., Referent des Vortrags „TikTok, Instagram & Co.: Social Media sicher begleiten“ und selbst Vater von zwei Söhnen, konnte dies nur bestätigen. „Es ist tatsächlich nicht leicht, Kinder in sozialen Medien zu begleiten“, sagte er. Einige Erwachsenen nutzten wenig oder keine Social Media, andere hätten selbst keinen gesunden Umgang damit und verbrächten zu viel Zeit bei Instagram, Facebook und Co. „Am schlimmsten wirkt es sich jedoch aus, wenn Ihre Kinder merken, dass Sie sich nicht dafür interessieren, was sie in den sozialen Medien erleben. Denn dann fehlt es Ihnen häufig an Orientierung und Werten.“ Wie bei allen anderen Erziehungsthemen auch, falle Eltern die Aufgabe zu, ihr Kind in die digitale Welt zu begleiten und als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.

Soziale Medien erfüllen viele Bedürfnisse von jungen Menschen
Der Begriff „Social Media“ beschreibt digitale Plattformen, auf denen Inhalte wie Texte oder Videos geteilt werden und sich die Nutzenden untereinander austauschen können. Für jüngere Kinder seien diese Plattformen in der Regel noch nicht interessant. Dies ändere sich ab der Pubertät, wenn der Wert von Freundschaften und sozialen Kontakten steige. „Für Jugendliche sind sie oft ein wichtiger Teil ihres Alltags, um mit Freundinnen in Kontakt zu bleiben, Interessen zu teilen, bei aktuellen Themen mitreden zu können und sich Videos anzuschauen“, sagte der Medienpädagoge. Bekannte Beispiele dafür seien Instagram, TikTok und WhatsApp. „Hier entstehen Gemeinschaften und Jugendliche haben die Möglichkeit, sich in virtuellen Räumen auszuprobieren, sich mit anderen zu vernetzen. Dabei kommen sie ihrem Bedürfnis nach Kommunikation, Unterhaltung und Information nach.“ Auch die Meinungsbildung finde heute häufig über die sozialen Medien statt. Identifikationsangebote holten sich die Jugendlichen immer mehr bei Influencern, vor allem in den Bereichen Beauty, Mode und Fitness. So gesehen erfüllten soziale Medien zunächst einmal normale Grundbedürfnisse von Jugendlichen.
WhatsApp beliebteste App bei Jugendlichen
Dabei hätten Jugendliche in der Regel klare Vorlieben: „WhatsApp, ursprünglich ein reiner Messengerdienst, nutzen laut Studien täglich weit über 90 Prozent der Jugendlichen und das in fast allen Altersgruppen von 12 bis 19 Jahren.“ Bereits mit großem Abstand folgten Instagram, YouTube, TikTok und Snapchat. Dabei verschwömmen die Grenzlinien zwischen sozialen Medien, Videoplattformen und Messengern immer mehr.
Übrigens: Facebook spiele bei den jüngeren Generationen aktuell keine Rolle mehr. „Sie können davon ausgehen, dass eine Plattform ab dem Zeitpunkt für Jugendliche uninteressant wird, wenn Erwachsene auf den Geschmack kommen und sie ebenfalls nutzen. Die Bilder der letzten Party wollen Teenager sicher eher nicht von den eigenen Eltern kommentiert sehen“, scherzte Rudolph-von Niebelschütz.

Wann soziale Medien schaden und wie technische Einstellungen schützen
Soziale Medien können für Jugendliche allerdings auch negative Aspekte beinhalten, beispielsweise Cybermobbing, exzessive Mediennutzung, die Verbreitung von Falschinformationen, den Verlust von Privatsphäre, soziale Isolation, sexuelle Belästigung, „Cybergrooming“ – die gezielte Anbahnung sexueller Kontakte mit Minderjährigen über das Internet – oder Druck durch unrealistische Schönheitsideale. „Die meisten Kinder und Jugendliche stoßen im Internet zwangsläufig irgendwann auf Fake News, beleidigende Kommentare, extreme politischen Ansichten, Verschwörungstheorien, Hassbotschaften oder ungewollte pornografische Inhalte. Durch technische Einstellungen können Sie dazu beitragen, Ihre Kinder vor bestimmten Inhalten zu schützen“, so Rudolph-von Niebelschütz.
Offiziell seien die meisten Plattformen für Kinder mit Erlaubnis der Eltern zwar erst ab 13 Jahren nutzbar, eine Mindestaltervorgabe, die er unbedingt befürworte. In der Praxis könnten Kinder die Apps jedoch jederzeit problemlos herunterladen und nutzen. „Ich empfehle Eltern, das erste Social Media-Konto gemeinsam mit Ihrem Kind Schritt für Schritt einzurichten, damit es lernt, worauf es zu achten hat.“ So sollte es etwa nicht sein echtes Geburtsdatum und seinen Klarnamen angeben. „Machen Sie ein Spiel darauf, frei nach dem Motto: Wann wolltest Du schon immer mal Geburtstag haben? Das Geburtsjahr sollte jedoch stimmen, damit die nach Alter gestaffelten Schutzbestimmungen der Plattformen greifen.“ Der Teen-Account von Instagram beispielsweise schränke Kontaktmöglichkeiten ein – nur bestätigte Follower könnten interagieren oder direkte Nachrichten senden – , filtere Inhalte und begrenze die Bildschirmzeit. So gebe es Zeitlimit-Erinnerungen nach 60 Minuten Nutzung und einen Schlafmodus von 22 bis 7 Uhr. Änderungen dieser Einschränkungen seien nur durch die Eltern möglich.
Unabhängig von der Plattform sollten grundsätzlich alle Profile auf „privat“ gestellt werden, damit nur Freunde Beiträge, Videos und Fotos sehen könnten. Zudem sollten Freundschaftsanfragen von Unbekannten ausgeschlossen werden, der Online-Status verborgen werden und die Plattform nicht automatisch auf sämtliche Kontakte zugreifen können. Und: „Sollte ihr Kind sich in der Kommunikation mit jemandem unwohl fühlen, zeigen sie ihm, wie man Personen blockieren kann.“

Digitale Selbstverteidigung für Kinder
Vollständig abschirmen könne man seine Kinder leider nicht: „Es reicht schon aus, dass jemand Anderes in einer WhatsApp-Gruppe ein Video verlinkt, um die Altersschutzbestimmungen der Plattformen zu umgehen. Fragen Sie Ihren Nachwuchs daher in regelmäßigen Abständen, ob er sich bei der Nutzung seiner sozialen Medien wohlfühlt, und sprechen Sie darüber, welches Verhalten in sozialen Medien okay ist und welches nicht.“ Zu letzterem gehöre beispielsweise das Erstellen und Teilen von sexistischen, rassistischen und beleidigenden Inhalten, (auch mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellten) Nacktbildern sowie Verletzungen des Urheberrechts. Rudolph-von Niebelschütz empfahl darüber hinaus, erst einmal nur mit einem Social Media-Angebot zu beginnen: „Begleiten Sie Ihr Kind am Anfang eng. Lassen Sie sich – unbedingt in Absprache mit Ihrem Kind, niemals hinter seinem Rücken! – ab und zu Chatverläufe zeigen. Wenn Sie nach einer Weile merken, dass Ihr Kind sich sicher und vernünftig in den sozialen Medien bewegt, ziehen Sie sich allmählich zurück.“ Wünsche sich das Kind eine weitere App, sollten Eltern sich diese zunächst anschauen sowie das Kind erneut beim Einrichten des Kontos begleiten und die nötigen Sicherheits- und Datenschutzeinstellungen vornehmen.
Über die Android-Funktionen „Digital Wellbeing“ und „Family Link“ oder „Bildschirmzeit“ bei Apple-Geräten könnten Eltern individuelle Mediennutzungszeiten und auch Zeiten für einzelne Apps festlegen. Zusammenfassend empfahl der Medienpädagoge eine Doppelstrategie bei der Medienerziehung: „Schützen Sie Ihr Kind seinem Alter entsprechend vor Inhalten, stärken Sie es aber auch gleichzeitig im Umgang mit den Schattenseiten von sozialen Medien. So lernt es frühzeitig digitale ‚Selbstverteidigung‘, erarbeitet sich Handlungsstrategien und erlebt Selbstwirksamkeit.“
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