„Nicht dass Gerüchte entstehen, weil ich heute hier bin: Meine Ehe läuft wunderbar“, scherzte Bürgermeister Johannes Rothmund, als er am 03. Juli das Publikum zum ersten Digitalcafé im neu eröffneten Smart City Forum Eichenzell begrüßte. Das Thema „Online-Dating“ der Veranstalter Smart City Eichenzell, dem Herrenhaus (antonius) und Leben und Arbeiten in Eichenzell e.V. hatte zahlreiche Neugierige in die Begegnungsstätte am Eichenzeller Bahnhof gelockt – neben Singles auch viele Paare. Die Veranstaltung, die auch Smart City-Projektleiter Christopher Müller und -mitarbeiterin Anne Jana sowie Laura Albrecht von antonius begleiteten, war eine der persönlichsten seit Beginn der Digitalcafé-Reihe: Viele Besuchende erzählten offen von ihren Erfahrungen mit Dating-Apps oder auf welche Weise sie analog ihre Lebenspartner gefunden hatten.

Dating-Apps für jeden Geschmack und Geldbeutel
„60 Prozent aller Deutschen sind oder waren bei einer Dating-App angemeldet“, führte Katharina Meyer von „Menschen und Medien e.V.“ in das Thema ein. Dating-Apps sind Anwendungen, über die man andere Menschen kennen lernen kann. Nachdem man in der App sein Profil eingerichtet habe, bekomme man Personen angezeigt, die in der Nähe wohnten oder mit denen man gemeinsame Interessen teile. Wenn beide Parteien einander interessant fänden – das nenne man ein „Match“* – könne man über einen Chat miteinander schreiben.
„Dating-Apps gibt es wie Sand am Meer: Die Herausforderung ist es, diejenige zu finden, die am besten zu Ihnen passt“, sagte die Medienpädagogin und stellte einen kleinen Ausschnitt an Plattformen vor. Darunter bekannte wie „Parship“, „ElitePartner“ und „Tinder“, aber auch speziell für ältere Menschen geeignete Apps wie „Lebensfreude50“, „SilberSingles“ oder „Zweisam.de“. Häufig gebe es eine kostenlose Basisversion und eine Abo-Bezahl-Version (Preise schwanken zwischen 5 und 30 Euro und umfassen sowohl Einmal- als auch Monatszahlungen). Komplett kostenfreie Apps finanzierten sich oft über Werbung. „Nicht jede App hat zudem das Ziel, Personen zusammenzubringen – denn je länger ich bei meiner Suche brauche, desto mehr verdient ein Unternehmen an mir“, gab Meyer zu bedenken.
Flirten, Liebe, Langeweile: Warum Menschen Dating-Apps nutzen
Die Gründe, warum sich Menschen bei Dating-Plattformen anmelden, sind Meyer zufolge vielfältig. Sie listete auf: „Manche suchen eine feste Beziehung, andere möchten flirten oder sexuelle Beziehungen eingehen, wieder andere hoffen, Hobby- und Gesprächspartner oder Freunde zu finden. Aber auch Anerkennung oder schlicht Zeitvertreib sind Antriebsfaktoren.“

„Wie finde ich heraus, wer wonach sucht?“, kam eine Frage aus dem Publikum. „Kommunizieren Sie klar, wonach Sie auf der Suche sind, und seien Sie dabei ehrlich – auch zu sich selbst“, betonte Meyer. Bei manchen Apps sei es möglich, seine Intentionen in einem Auswahlfeld anzugeben. „Wer hat schon einmal eine Person online kennengelernt?“, fragte die Referentin im Anschluss. Mehrere Hände gingen nach oben. Eine junge Frau erzählte, sie habe ihren jetzigen Freund online gefunden und sei bereits seit sechs Jahren mit ihm zusammen. Ein Mann äußerte sich angetan von Video-Chats mit einem Gesprächspartner, der zu weit weg für ein Treffen wohne: „Wir tauschen uns trotzdem über viele Themen aus. Das hat etwas von einer Brieffreundschaft.“
„Drum prüfe, wer sich online bindet…“
Wie im echten Leben kann jedoch auch die Online-Partnersuche Zeit kosten und die Nutzenden frustrieren. „Online sinkt bei einigen Menschen leider die Hemmschwelle, im Kontakt unverbindlich zu bleiben oder Chatpartner zu ‚ghosten‘, das heißt, ohne Ankündigung den Kontakt abzubrechen“, so Katharina Meyer. Auch falsche Profile seien im Umlauf: „Wer mit seinem Selbst nicht zufrieden ist, für den ist die Versuchung groß, sich auf Profilfotos jünger oder attraktiver zu machen oder sich besondere Hobbys und Fähigkeiten anzudichten. Dies geht immer auf Kosten von Ehrlichkeit und Vertrauen – und spätestens beim ersten Live-Treffen fällt die Retusche auf.“ Daneben seien bereits vergebene Menschen auf Plattformen unterwegs: „Das sind Menschen, die ihren Marktwert testen oder schauen wollen, ob es noch etwas ‚Besseres‘ als die eigene Partnerin oder den eigenen Partner gibt – fühlt sich jemand im Saal angesprochen?“ Eine Frage, die mit großem Gelächter und einigen verschmitzten Blickwechseln zwischen Ehepartnern quittiert wurde.
Auch Belästigungen kämen vor, etwa durch anzügliche Nachrichten oder das Versenden von Nacktbildern oder -videos ohne die Einwilligung des Chatpartners. Beim sogenannten ‚Love Scamming‘* täuschten Betrüger Liebesgefühle vor und versuchten anschließend, ihren Opfern wegen angeblicher Notlagen Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Opfer eines solchen Liebesbetrugs empfänden anschließend häufig große Scham. „Falls Ihnen so etwas trotz aller Vorsicht passieren sollte: Bitte gehen Sie unbedingt zur Polizei und zeigen den Täter oder die Täterin an. Nur so haben Sie die Chance, Ihr Geld zurückzubekommen und Andere vor den Tätern zu schützen“, bat Meyer. Auch wer unverlangt Nacktbilder verschicke, begehe eine Straftat. „Sie müssen sich das nicht gefallen lassen“, appellierte die Medienpädagogin an die Zuhörerschaft. In jedem Fall sei es wichtig, sich Freunden oder Angehörigen anzuvertrauen, um sich psychisch gesund zu halten – denn ein emotionaler Betrug könne einen Vertrauensverlust in das eigene Urteilsvermögen, Depressionen oder sogar Suizidgedanken nach sich ziehen.
Wie man sich online schützt und vertrauensvolle Kontakte aufbaut
Auch wenn man immer wieder von falschen Profilen oder Liebesbetrug mit exorbitanten Summen lese – die regionalen Medien hatten zuletzt über einen Fall in Fulda berichtet – seien solche Verhaltensweisen auf Dating-Plattformen nicht die Regel, beruhigte Meyer. Zudem seien sie zu erkennen, wenn man seinen Instinkten vertraue: „Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl, so wie Sie das im echten Leben auch machen würden. Wenn Sie jemand unter Druck setzt, beleidigend wird, Geld oder Daten fordert oder sich ein Kontakt schlicht nicht gut anfühlt: Pausieren Sie oder brechen ihn ab, blockieren Sie die Person und melden Sie Regelverstöße der Plattform.“ Wer sich nicht sicher sei, wie ein Kontakt einzuschätzen sei, könne vertraute Menschen um eine zweite Meinung bitten.
Gleichzeitig lohne es sich, auf die eigene Kommunikation zu achten: „Der Gradmesser sollte immer sein, wie Sie selbst behandelt werden möchten“, sagte die Medienpädagogin. Für vertrauensvolle Kontakte empfehle sie, freundlich, offen und ehrlich zu sein, durch Fragen Interesse an der anderen Person zu zeigen, zeitnah zu antworten sowie die Grenzen des Anderen zu respektieren. Um sich am Anfang eines Online-Kontakts zu schützen, sollte man sensible Informationen lieber verhalten herausgeben – „dazu gehört auch der Hinweis darauf, bei welchem Fußballverein man jedes Wochenende anzutreffen ist“. Durch ein möglichst frühes Treffen im echten Leben könnten verzerrte Wahrnehmungen und unrealistische Erwartungen erkannt werden – „zur Sicherheit erst einmal an einem öffentlichen Ort wie im Café oder der Eisdiele und nicht bei Ihnen zu Hause“.

Online-Dating ist nur EINE Möglichkeit des Kennenlernens
Die Meinungen der Zuhörenden angesichts von Online-Dating waren bei Veranstaltungsende gespalten. „Das Technische am Online-Dating gefällt mir nicht“, gab ein Besucher stirnrunzelnd zu und erntete vielfaches Nicken. „Früher haben wir uns in die Kneipe gesetzt, der Körper sandte Signale aus und dann zeigte man sich im besten Fall irgendwann die berühmte ‚Briefmarkensammlung‘. Was ist daraus geworden?“ Ein Gast wies darauf hin, dass heutzutage nicht alle Besucher einer Bar automatisch andere Menschen kennen lernen wollten, und dass das für ihn schwer einzuschätzen sei. Er habe manchmal Angst, jemanden anzusprechen, weil er nichts Falsches sagen wolle.
Katharina Meyer ermutigte dazu, Online-Dating als sinnvolle Ergänzung zur analogen Kontaktaufnahme zu sehen. „Der große Vorteil ist, dass es für viele Menschen die Kontaktaufnahme erleichtert. Gerade im ländlichen Raum findet man für sein Nischenhobby sonst vielleicht nicht auf Anhieb Gleichgesinnte, im Kreis der verheirateten Freunde nicht den Traumpartner.“
Eine Möglichkeit, neue Menschen kennenzulernen, seien auch Nachbarschafts- und Begegnungs-Apps. So berichtete eine Besucherin, dass sie über die App „Meet5“ Menschen aus der Region für gemeinsame Aktivitäten gefunden habe. „Das ist richtig gut angelaufen. Wir gehen jetzt zusammen ins Café und zu Lesungen“. Eine Zweite hatte ähnliche Erfahrungen gemacht: „Ich habe mich über die App mit vier Anderen zum Tanzen verabredet. Dort angekommen, stellten wir fest, dass zwei weitere ‚Meet5‘-Gruppen da waren! Was für ein Zufall, bis vor kurzem hatte ich noch nie von der App gehört.“ „Online-Dating ist letztendlich auch nicht sooo anders als die Zeitungsannoncen früher“, so das gelassene Fazit einer Dritten: „Meinen Mann habe ich damals über eine Anzeige kennengelernt. 15 Zuschriften habe ich damals erhalten. Seine war die einzige ohne Rechtschreibfehler, ihm habe ich zurückgeschrieben.“
Plattformen für Online-Dating
- „Meet5“: eine Plattform für die Altersgruppe 40+, die jeweils bis zu fünf Menschen online zusammenbringt und ihnen ermöglicht, sich für gemeinsame Aktivitäten zu treffen. Sie bietet zudem wöchentliche Stammtische in größeren Städten an, beispielsweise auch in Fulda.
- „Nebenan.de“: Eine Plattform, um Menschen in der Nachbarschaft kennen zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen.
- Dating-Apps für Personen ab 50: „Zweisam.de“, „SilberSingles“, „Lebensfreude50“
Der nächste Termin für das Digitalcafé ist der 02.09.2025 von 18:00-20:00 Uhr. Thema: „Handyparken“.
ACHTUNG: Das Digitalcafé findet im Smart City Forum Eichenzell in der Fuldaer Straße 3A (ehemalige Sparkassenfiliale am Eichenzeller Bahnhof, Eingang durch die Glasschiebetür) statt. Die Räumlichkeiten sind ebenerdig zugänglich, barrierefreie sanitäre Anlagen vorhanden.
Die weiteren Termine in 2025: 01.10., 06.11. und 11.12. (Änderungen vorbehalten).

*Glossar
Match [gesprochen „mätsch“]: zwei Nutzende einer Dating-App sichern sich gegenseitig zu, dass sie aneinander interessiert sind. Oder: Algorithmen vergleichen Angaben in Persönlichkeitsprofilen und ermitteln, welche Personen aufgrund vieler Übereinstimmungen zueinander passen könnten.
Ghosten [gesprochen „gousten“, von engl. „ghost“, Geist]: Zuvor engagierte Gesprächspartner brechen ohne Vorwarnung oder Begründung den Kontakt ab. Kontaktversuche des Gegenübers laufen ins Leere.
Love Scamming [gesprochen „lav skämming”]: eine Form des Betrugs, bei dem Täter in sozialen Netzwerken oder Dating-Plattformen Liebesgefühle vortäuschen, um an Geld oder Informationen zu gelangen. Dabei nutzen Betrüger oft gefälschte Profile und verwenden psychologisch-manipulative Techniken, um ihre Opfer in emotionale Abhängigkeiten bringen.