„Wenn die Geschichte gut ist, kann es jeden von uns erwischen“: Polizei Osthessen informierte im Eichenzeller Digitalcafé zum Thema „Online-Betrug“

„Wer hat in den letzten Wochen einen Betrugsversuch über das Internet erlebt?“, fragte Marco Hohmann, Kriminalhauptkommissar bei der Polizei Osthessen, zum Einstieg in das Thema „Online-Betrug“. Smart City Eichenzell, antonius sowie Leben und Arbeiten in Eichenzell e.V. hatten am 1. Oktober erneut zum Digitalcafé ins Smart City Forum eingeladen. Viele Gäste waren gekommen, um sich aus erster Hand über aktuelle Betrugsmaschen in verschiedenen Bereichen zu informieren – und lauschten gebannt, als Hohmann in seinem einstündigen Vortrag Einblicke in die Polizeiarbeit gab.

Online-Betrüger folgen Trends

Ein Gast aus dem Publikum berichtete von einer vermeintlich von einem Paketdienstleister stammenden E-Mail, die ihn über ein angeblich nicht zustellbares Paket informiert und ihn auffordert habe, einen Link zu betätigen.  „Zum Glück war kurz vorher DHL bei mir gewesen und hatte mir das Paket gebracht, daher kam ich gar nicht erst in Versuchung, auf den Link zu klicken“, berichtete der Mann und fragte etwas bang: „Woher wussten die Betrüger, dass ich etwas bestellt hatte?“ Hohmann beruhigte: „Das wussten sie nicht. Aber wenn ich mit grobem Schrot auf Enten schieße, trifft irgendetwas immer.“ Da immer mehr Menschen online Produkte bestellten, liege es nahe, dass Betrüger sich auf die in Deutschland üblichen Paketdienstleister konzentrierten. „Hätten Sie eine E-Mail des amerikanischen Unternehmens FedEx erhalten, wären Sie vermutlich sofort misstrauisch geworden.“ Auch beliebte Online-Shops wie Amazon, Temu, Zalando oder Alibaba würden gerne von den Betrügern missbraucht – „eigentlich alles, was gerade en vogue ist.“

Kriminalhauptkommissar Marco Hohmann (stehend) stellte Straftatbestände im Internet vor.

Grundsätzlich würden die Methoden der Betrüger immer ausgefeilter: „Neulich bin ich fast selbst auf eine vermeintliche Sparkassenwebseite hereingefallen“, erzählte Hohmann. „Die Seite war echt, nur der Knopf zum Einloggen war gefälscht. Loggt man sich dort mit seinen Daten ein, werden im Hintergrund ohne Ihr Wissen beispielsweise ein Komma und der Empfänger verändert. Schon überweisen Sie statt hundert Euro an einen Tierschutzverein eintausend Euro an einen Betrüger.“ Nie auf Links in E-Mails klicken, auf aktuelle Updates* von PC und Smartphone achten, misstrauisch bei Webseiten sein, die kein „https“ in der URL* trügen, und immer ganz genau hinschauen, wo es um Produktbestellungen, Geldüberweisungen und die Eingabe von privaten Daten gehe – so könne man sich im Regelfall gut schützen. Hohmann empfahl außerdem, auf allen Geräten hochwertige und aktuelle Antivirensysteme zu nutzen – „die springen in den meisten Fällen an und warnen Sie rechtzeitig.“

Social Media: Kinderbilder gehören nicht ins Netz

Auch im Bereich der sozialen Medien komme es zu Betrug und Missbrauch, beispielsweise das sogenannte „Love Scamming“ auf Partnerschafts-Plattformen – das Vorspielen von Liebe, um von den umgarnten Opfern Geld zu erhalten – oder „Cybergrooming“ – wenn Erwachsene sich online als Kinder ausgäben mit dem Ziel, pornographisches Material zu erhalten oder sexuelle Straftaten vorzubereiten. Daneben kämen viele Nutzerinnen und Nutzer in Kontakt mit „Hate Speech“: Beleidigungen, Beschimpfungen von Religionen und Weltanschauungen, der Verbreitung von Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen, Cybermobbing*, Volksverhetzung und Gewaltdarstellungen. „Das ist die Kehrseite der Medaille der sozialen Medien, an die wir uns schon fast gewöhnt haben“, so Hohmann. Er erinnere jedoch daran, dass es sich dabei ausnahmslos um Straftaten handele, die niemand hinnehmen müsse: „Soziale Netzwerke müssen rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach Eingang einer Beschwerde löschen oder sperren.“

Social Media hätten glücklicherweise auch eine positive Seite, wechselte Hohmann die Tonalität und zeigte ein Bild von frühen Höhlenmalereien. „Und wer erinnert sich noch an Poesiealben? Alle drei Kommunikationsmittel erfüllen das gleiche Bedürfnis: Wir Menschen wollen uns zeigen. Das ist etwas Natürliches und Schönes, daher befürworte ich grundsätzlich auch die Nutzung von sozialen Medien – wenn sie mit Vorsicht behandelt werden.“

Dazu gehöre, nach Möglichkeit keine Apps zu nutzen, die den eigenen Standort verrieten – „ein Träumchen für Eltern zur Überwachung von Kindern, aber auch für Betrüger“ – und vor allem für den Schutz von Minderjährigen zu sorgen. „Ich sage es ganz klar: Kinderbilder haben im Netz nichts verloren“, betonte Hohmann. Er zeigte das Video „Eine Nachricht von Ella“, das im Rahmen einer Telekom-Kampagne für den Schutz von Kindern im Netz eingesetzt wurde. Für das Video wurde mit Hilfe von KI-Technologie ein sogenanntes „Deepfake“* eines neunjährigen Mädchens erstellt. Im Video wendet sich die erwachsene Ella auf der Kinoleinwand an ihre entsetzten Eltern und konfrontiert sie mit den Folgen, die das Teilen von Bildern ihres Kindes im Internet haben kann. „Nur die wenigsten Eltern wissen, dass ein simples Kinderfoto für Identitätsdiebstahl missbraucht werden kann“, warnte Hohmann. „Dadurch setzen Eltern ihre Kinder unbeabsichtigt zahlreichen Bedrohungen ihrer Privatsphäre und Sicherheit durch Datenhändler, Hacker oder Pädophile aus.“

Deepfakes erkennen: „Zählen Sie Finger und Arme von abgebildeten Personen und prüfen Sie Schatten und Lichteinfall sowie Gesichtsausdrücke“.

„Kann nicht der Staat eingreifen, damit solche Missbräuche nicht passieren?“, wandte ein Zuhörer ein. Hohmann verneinte. Auch wer eine automatische Löschung durch Künstliche Intelligenzen verlange, sei schnell im Bereich der Zensur – und entlasse die Internetnutzerinnen und -nutzer zudem aus ihrer Verantwortung: „Wir als Nutzer sind selbst dafür verantwortlich, was wir ins Netz stellen, und wir oder im schlimmsten Fall unsere Kinder müssen mit den Folgen leben – also überlegen Sie sich bitte dreimal, welche Bilder Sie auf öffentliche Plattformen stellen und mit wem Sie sie teilen.“

Wer Opfer wird, sollte handeln

Wenn es aller Vorsicht zum Trotz doch passiere, dass man auf eine Betrugsmasche hereinfalle oder Opfer von Identitätsdiebstahl werde, sei es wichtig aktiv zu werden. „Scheuen Sie sich nicht, uns anzurufen, auch wenn Sie sich schämen“, bat Hohmann. „Ist die Geschichte der Betrüger gut, kann es jeden von uns erwischen, davon nehme ich niemanden – auch mich nicht – aus. Wer aber anschließend passiv bleibt, schützt die Betrüger.“ Das gelte für Betrugsfälle – „übrigens auch missglückte Betrugsversuche“ – auf Online-Plattformen, genauso wie für gefälschte Webseiten, Schockanrufe oder gestohlene und missbräuchlich eingesetzte Daten und Bilder. Auch bei den Plattformbetreibern solle man sich unbedingt melden und beschweren. Wer Geld an Betrüger überwiesen habe, sollte sich außerdem schnellstmöglich an seine Bank wenden. „In manchen Fällen gelingt es, das Geld zurückzubekommen – aber nur, wenn Sie sofort reagieren.“ Eine gute Adresse seien neben der Polizei die Verbraucherzentralen: „Dort können Sie sich über Ihre Rechte beraten lassen, aber beispielsweise auch verdächtige Webseiten prüfen lassen.“

Tipps, Tricks & Adressen

Der nächste Termin für das Digitalcafé ist der 06.11.2025 von 18:00-20:00 Uhr. Thema: „Künstliche Intelligenz“. Inhalte: Wie funktionieren KI und wo werden sie eingesetzt? Was sind Chancen und Risiken? Wo kann KI konkret im Alltag unterstützen? Referent ist Michael Werthmüller von der VHS Fulda.

Der letzte Termin im Jahr 2025 ist der 11.12. (Änderungen vorbehalten).

*Glossar

Update [gesprochen „apdäit“]: eine Aktualisierung für ein Programm, ein Betriebssystem oder ein Gerät.

URL [gesprochen „U-Er-El“]: Adresse im Internet, über die man Webseiten, Bilder oder Daten abrufen kann.

Cybermobbing [gesprochen „saibermobbing“]: Beleidigung oder Belästigung von Menschen über elektronische Kommunikationsmittel.

Deepfake [gesprochen „diep fäik“]: Deepfakes sind durch maschinelles Lernen künstlich erzeugte Videos, Bilder oder auch Töne, die von der Realität kaum noch zu unterscheiden sind.